Jagd: Hintergrundinfos

Einfluss der Jagd auf die Populationshöhe

Tierpopulationen regulieren sich selbst. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Tiere verfügen über einen inneren Mechanismus zur Regulierung des Populationswachstums. Dies geschieht über natürliche Selektionskräfte und die abiotische (unbelebte) sowie die biotische (belebte) Umwelt. Carlo Consiglio erläutert die natürliche Regulation folgendermaßen:  »Ja, alle natürlichen Tierpopulationen besitzen homöostatische Mechanismen, durch welche ihre Größe auf ein Niveau eingestellt wird, das an die verfügbaren Ressourcen angepasst ist. Dieses Niveau heißt »carrying capacity«. Sinkt die Größe der Population, so nimmt die Geburtenziffer zu und die Sterblichkeit ab, so dass diese Größe wieder nach dem vorigen natürlichen Wert strebt. Das Gegenteil geschieht, wenn die Größe der Population die carrying capacity überschreitet: Die Geburtenzahl wird reduziert, die Sterblichkeit nimmt zu.«

Durch Jagd, Hege, ausufernde Fütterungen und Kirrungen etc. werden die natürlichen Selektions- und Regulationsmechanismen außer Kraft gesetzt. Schwache Individuen überleben; starke Individuen dagegen werden erschossen – sie sind die Ziele der Trophäenjagd. Jagdlich interessante Tierarten werden so einseitig gefördert, was zur Entstehung von Überpopulationen führt. Ein weiterer Grund für die Entstehung von Überpopulationen ist die starke Bejagung gewisser Tierarten bzw. der jagdliche Einriff zur falschen Zeit. So bringen beispielsweise Füchse mehr Junge pro Wurf zur Welt, Rehe bekommen zwei Junge statt nur eines. Prof. Dr. Josef H. Reichholf (Naturwissenschaftler, Biologe) erklärt in einem aktuellen Beitrag ganz verständlich was passiert, wenn durch Jagd an der falschen Stelle eingegriffen wird. Er sagt auch: »Würden in einem Gebiet durch die Jagd, die ja vor allem im Herbst und Winter stattfindet, viele Tiere getötet, hätten die Verbliebenen ein besseres Futterangebot. Tiere, die gestärkt überleben, pflanzen sich im Frühjahr zeitiger und zahlenmäßig stärker fort.«1

Die natürliche Selektion wird manipuliert und auf den Kopf gestellt. Abschüssen führen zu Existenzialverschiebungen bis hin zur völligen Zerstörung wichtiger Alters- und Sozialstrukturen bei wildlebenden Tierbeständen. Jagd hat auch Auswirkungen auf das innerartliche Sozialverhalten. Die Hege bestimmter Tierarten (dazu gehört auch die so genannte Biotoppflege bzw. Biotopumgestaltung) hat auch Auswirkungen auf Tierarten, die dort leben, jagdlich aber uninteressant sind. Diese Arten können dadurch massiv benachteiligt werden. Jagd ist somit Faunenverfälschung und hat einen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt.

Im Grunde ist Jagd natur- und artenfeindlich. Wildtiere sind gezwungen, durch die rund ums Jahr stattfindende Jagd ihr Verhalten und sogar ihren Lebensrythmus zu ändern, vormals tagaktive Tiere werden nachtaktiv. Sie werden sehr scheu, vergrößern ihre Fluchtdistanzen (Naturliebhaber können kaum mehr Wildtiere beobachten). Lebensraum wird nur noch eingeschränkt genutzt, Abwanderung in neue Umgebungen wie beispielsweise in Städte und Siedlungen wird gefördert. Dort finden sie Futter und sind in Sicherheit vor dem Jäger.

Führen befriedete Gebiete zur Bestandsexplosion?

Überall wo in Europa die Jagd verboten oder extrem eingeschränkt wurde, wurden bisher keine übermäßigen Wildtierbestände oder signifikante Schäden durch Wild festgestellt. Die Biodiversität in diesen Gebieten nahm sogar zu, wie beispielsweise Gottlieb Dandliker in seinem Vortrag »Jägerlatein und Wildbiologie« aufzeigt. Näheres über jagdfreie Gebiete und wo es sie gibt, finden Sie hier.

Die Situation im Saarland / politische Randbedingungen

Im Saarland existieren jahrzehntelange Verflechtungen zwischen Politik (hier vornehmlich CDU, FDP und SPD) und der Jägerschaft. Jäger erhalten Unterstützung beispielsweise vom Bauern- und Fischereiverband sowie dem Verband der Waldbesitzer. Jäger sind zu finden unter den Landtagsabgeordneten, unter Staatsanwälten, Richtern und sogar im Vorstand der saarländischenTierärztekammer.

Sämtliche Versuche, das Jagdgesetz zu ändern sind am Widerstand der Jägerschaft, unterstützt durch die Politik, gescheitert. Erst mit der Regierungsbeteiligung von Bündnis 90/Die Grünen wurden jagdgesetzliche Änderungen angestrebt. Hierzu wurden erstmals Tierschutz- und Tierrechtsvereine umfassend eingebunden. Durch den Widerstand der Jäger und politischer Kräfte wurde eine bereits ausgearbeitete Endfassung nie verabschiedet – der fortschrittliche und tierfreundliche Entwurf scheiterte mit Auflösung der Jamaika-Koalition. Im derzeitigen Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD sind nur minimale jagdgesetzliche Änderungen vorgesehen. Sowohl die Ministerpräsidentin als auch die Umweltministerin signalisierten den Jägern, dass sie der Jägerschaft sehr zugeneigt sind und jagdgesetzliche Änderungen nur gemeinsam mit den Jägern erfolgen werden.

Rahmenbedingungen in Deutschland

Eines der Motive für die Hobbyjagd sind monetäre Interessen: Waffen- und Munitionshersteller, Bekleidungs- und Ausrüstungshersteller, Autohersteller, Jagdschulen usw. verdienen gut an der Jagd. Lobbyistische Verflechtungen in der Politik – auf kommunaler Ebene ebenso wie auf Bundesebene – lassen kaum Spielraum für die Umsetzung von Tierrechten und Tierschutz bei der Jagd. Politiker aller Parteien gehen mit Wirtschaftsbossen gemeinsam zur Jagd: Treib- und Hetzjagden sind gesellschaftliche Highlights, man bespricht Geschäfte, trifft sich, zeigt sich.

Repräsentanten der Jagd sitzen also in wichtigen politischen und wirtschaftlichen Positionen. Tierschutz-, Natur- und Umweltschutzverbände finden kein Gehör, die Jägerschaft selbst verleiht sich den Status eines Naturschutzverbandes und wird als erstes gehört oder zu Beratungen herangezogen. Der Wille der Bevölkerung wird ignoriert – aktuelles Beispiel hierzu ist die Umsetzung des EGMR-Urteils zur Zwangsbejagung. Grundstückseigentümer müssen seit Jahrzehnten die Jagd auf ihrem Land dulden. Zur Umsetzung des Straßburger Urteils in anwendbares deutsches Recht wurde eine Anhörungskommission gebildet, in der keine Vertreter von Tierschutz- oder Naturschutzverbänden geladen waren, sondern ausschließlich Jäger, Waldbesitzer usw. Ergebnis der Beratungen: Grundstücksbesitzern, welche ihr Land befrieden lassen wollen, werden hohe Hürden gesetzt.


  1. Süddeutsche Zeitung vom 28.01.2009